Hausarztmedizin

»Für mich ist Hausarztmedizin die Königsdisziplin in der ambulanten Medizin«

Hausärztin Irmgard Landgraf ist auf einem von sechs Plakatmotiven der Kampagne »Wir arbeiten für Ihr Leben gern.« zu sehen. Im Interview spricht sie über ihr einzigartiges Versorgungsmodell für Pflegeheimpatienten, die Liebe zu ihrem Beruf und die zukünftigen Herausforderungen durch eine alternde Gesellschaft.

»Der Beruf der Hausärztin ist nicht nur sehr vielseitig, interessant und anspruchsvoll, sondern auch sehr befriedigend. Davon möchte ich auch junge Kolleginnen und Kollegen überzeugen und sie für den Beruf begeistern. Da ich sehr gerne mit Menschen und für meine Patienten arbeite, passt der Kampagnentitel ‚Wir arbeiten für Ihr Leben gern‘ perfekt.« Irmgard Landgraf, Hausärztin

 

Irmgard Landgraf, derzeit mangelt es mancherorts an Hausärzten. Warum haben Sie sich für die Arbeit als Hausärztin entschieden?
Für mich ist Hausarztmedizin die Königsdisziplin in der ambulanten Medizin. Bei uns laufen die Fäden zusammen. Wir koordinieren die fachärztlichen und die stationären Behandlungen.  Wir sind die ersten Ansprechpartner unserer Patienten und brauchen neben der fachlichen auch eine hohe soziale Kompetenz. Meist haben wir sehr enge und vertrauensvolle Beziehungen zu unseren Patienten, beraten sie und ihre Familien oft nicht nur in gesundheitlichen Fragen und begleiten sie häufig ein Leben lang. Das ist ein Privileg. Auch wenn wir Hausärzte nicht zu den Spitzenverdienern gehören, bekommen wir sehr viel Anerkennung und Wertschätzung, ganz besonders von unseren Patienten.  Ich bin mit meiner Arbeit sehr zufrieden und möchte nichts anderes machen.

Aus welchem Grund engagieren Sie sich für die Kampagne?

Der Beruf der Hausärztin ist nicht nur sehr vielseitig, interessant und anspruchsvoll, sondern auch sehr befriedigend. Davon möchte ich auch junge Kolleginnen und Kollegen überzeugen und sie für den Beruf begeistern. Da ich sehr gerne mit Menschen und für meine Patienten arbeite, passt der Kampagnentitel ‚Wir arbeiten für Ihr Leben gern‘ perfekt.

Was mögen Sie an ihrer Arbeit am liebsten?
Den persönlichen Kontakt mit den Patienten, die immer wieder neuen Herausforderungen bei der Suche nach der richtigen Diagnose und idealen Therapie, die Vielfalt in der täglichen Arbeit, die Arbeit im Team und die Ausbildung junger Kollegen und Studenten. Jeder Arbeitstag ist anders. Und jeder ist interessant und befriedigend.

Welche Botschaft ist Ihnen besonders wichtig?
Meine Patienten können sich auf mich, ihre Hausärztin, verlassen. Ich bin für sie da, wenn sie mich brauchen.  Mir ist es darüber hinaus wichtig, dass sich alte und kranke Menschen in unserer Gesellschaft gut aufgehoben fühlen und gut versorgt werden, von ihren Familien, von Pflegekräften und von uns Ärzten.

Ist das auch die Geschichte, die hinter dem Fotomotiv der Kampagne steckt?

Ich betreue auch Patienten im Pflegeheim und besuche sie dort, wo sie wohnen, im Heim. Darauf wollte ich besonders hinweisen. Wir leben in einer älter werdenden Gesellschaft. Immer mehr Menschen können ein hohes Alter von 90 oder sogar mehr als 100 Jahren erreichen. Mit dem Alter steigen aber auch Gebrechlichkeit und Pflegebedarf. Damit auch hochbetagte, demenzkranke und gebrechliche Menschen noch Lebensqualität haben, brauchen sie gute und liebevolle Betreuung durch Angehörige und Pflegekräfte sowie eine angemessene ärztliche Versorgung. Das ist eine gesellschaftliche Herausforderung, der sich alle, auch wir Ärzte, stellen müssen.

Was würden Sie mit der Kampagne gerne bewirken?

Ich möchte damit darauf hinweisen, dass wir in Deutschland generell eine gute hausärztliche Versorgung haben. Hausärzte sind für Patienten jeden Alters immer die ersten Ansprechpartner. Wenn es nicht anders geht, besuchen sie ihre Patienten auch zu Hause und im Pflegeheim. In dem Zusammenhang möchte ich auf die von mir seit bereits 2001 praktizierte digital vernetzte Zusammenarbeit mit Pflegekräften im Heim aufmerksam machen, mit der sich ärztliche Pflegeheimversorgung deutlich erleichtern und verbessern lässt. Unser Versorgungsmodell hat so viele Vorteile insbesondere für pflegebedürftige alte Menschen – es sollte in die Regelversorgung übernommen und in allen Pflegeheimen praktiziert werden.

Wie funktioniert dieses Modell?
Ich betreue neben meiner Tätigkeit in der Praxis seit mehr als 20 Jahren fast alle Bewohner des Pflegeheims Agaplesion Bethanien Sophienhaus. Seit 1998 arbeiten wir im Berliner Projekt. Das bedeutet, wir haben vertraglich mit der AOK Nordost sowie der IKK Brandenburg und Berlin für deren Versicherten eine ärztliche Erreichbarkeit rund um die Uhr, wöchentliche ärztliche Stationsvisiten sowie regelmäßige Fallbesprechungen und eine intensive ärztlich-pflegerische Zusammenarbeit vereinbart.
Dieses Versorgungsmodell bieten wir allerdings auch den Versicherten anderer Krankenkassen und damit insgesamt 100 Pflegeheimbewohnern.  Damit diese intensive ärztliche Betreuung überhaupt neben Praxis und Familie für mich als Ärztin zu schaffen ist, habe ich 2001 begonnen, mit den Pflegekräften im Heim über die digitalen Akten der Pflegeheimbewohner zusammen zu arbeiten. Die Pflegekräfte tragen alle Verschlechterungen des Gesundheitszustandes sofort in der elektronischen Patientenakte ein und informieren mich dabei über Hinweisspalten für den Hausarzt. Diese Hinweise sehe ich bei der nächsten Online-Einwahl in die Pflegedokumentation. Da ich mich mindestens zweimal täglich einwähle, lese ich alle Mitteilungen der Nacht morgens vor der Sprechstunde und alle Mitteilungen des Tages vor dem Verlassen der Praxis nachmittags oder abends. Darauf können sich die Pflegekräfte verlassen. So ist sichergestellt, dass ich über gesundheitliche Probleme meiner Patienten immer taggleich informiert bin. Dann entscheide ich, ob Diagnostik, Therapieänderungen oder ein Hausbesuch notwendig sind und organisiere alles so, wie es für den Patienten nötig ist. Bei gravierenden gesundheitlichen Problemen, die umgehende ärztliche Intervention erfordern, rufen die Pflegekräfte mich natürlich an. Das ist aber inzwischen nur noch selten nötig. Dieses Versorgungsmodell hat sich in den vergangenen 16 Jahren sehr bewährt.

Was sind die entscheidenden Vorteile der digitalen Zusammenarbeit?
Die digitale Zusammenarbeit ermöglicht nicht nur eine einfache und tägliche Kommunikation, sondern auch einen sicheren, verlustfreien Informationsaustausch zwischen Ärzten und Pflegekräften. Ich bin dadurch immer taggleich über alle gesundheitlichen Probleme meiner Patienten informiert und kann umgehend diagnostisch oder therapeutisch reagieren, auch ohne Hausbesuch.  Den Patienten wird also bei Bedarf  immer sehr schnell geholfen. Ihre Beschwerden werden rasch beseitigt und dramatische Krankheitsverläufe sowie Krankenhauseinweisungen durch zügiges ärztliches Handeln reduziert. Ärzte  können über die digitale Vernetzung Behandlungen und Krankheitsverläufe viel besser kontrollieren und ihre Visiten online sehr gut vorbereiten. Pflegekräfte sparen Zeit und können sich dadurch mehr um die alten Menschen kümmern. All das erhöht die Lebensqualität der Bewohner.

Im Jahr 1950 war jeder zehnte Deutsche älter als 65 Jahre. Im Jahr 2013 war es jeder fünfte, und 2060 wird es jeder dritte sein. Was bedeutet das für die medizinische Versorgung?

Wir stehen vor großen Herausforderungen. Zukünftig werden immer mehr alte, hilfsbedürftige Menschen, von immer weniger jungen noch berufstätigen Menschen versorgt werden müssen. Wir brauchen also zum einen gute Pflegeheimversorgungsmodelle, die ressourcensparend eine qualitativ hochwertige Versorgung unter sinnvollem Einsatz allen medizinischen Fortschritts möglich machen. Wir brauchen aber auch mehr Prävention, damit Menschen länger fit und möglichst nicht oder erst spät pflegebedürftig werden. So kann man langfristig Behandlungskosten sparen. Fachwissen in der Altersmedizin wird zunehmend mehr in alle ärztlichen Fachdisziplinen, vor allem aber im hausärztlichen Bereich, gebraucht.

Immer mehr Menschen leben in Pflegeheimen, somit steigt auch der Bedarf an Haus- und Fachärzten, die Heimbewohner betreuen. Wie können niedergelassene Ärzte stärker in die Versorgung von Pflegebedürftigen eingebunden werden?
Es gibt neue Vertragsmöglichkeiten zwischen Ärzten und Pflegeheimen, über die Ärzte verbindlich in die Pflegeheimversorgung eingebunden und auch besser honoriert werden. Das ist genau der richtige Ansatz. Darüber hinaus wird es immer wichtiger, dass alle pflegeheimversorgenden Ärzte mehr Kompetenzen in der Altersmedizin erwerben. Eine Qualitäts- und Effizienzsteigerung der intersektoralen Zusammenarbeit ließe sich auf jeden Fall durch unser digital vernetztes Versorgungsmodell erreichen.

Sie sind auch Lehrärztin der Charité Berlin. Wie groß ist das Interesse der Nachwuchsmediziner an Themen rund um die Versorgung pflegebedürftiger Menschen?
Die digital vernetzte Zusammenarbeit mit den Pflegekräften stößt bei den Studenten auf sehr großes Interesse. Sie nutzen diese Kommunikationsmöglichkeit vollkommen selbstverständlich und ohne große Einarbeitung. Und sie profitieren von den übersichtlichen, jederzeit nachvollziehbaren und transparenten Versorgungsprozessen, begeistern sich für so praktizierte Pflegeheimversorgung und betreuen sehr gerne die dort lebenden Patienten. Ein Student hat sich unser Versorgungsmodell als Anregung für seine Mutter, die als Landärztin noch herkömmlich Pflegeheimpatienten betreut, als große Arbeitserleichterung mitgenommen.

Was würden Sie Studierenden raten, die sich auf das Thema spezialisieren wollen?
Ärztliche Pflegeheimversorgung ist sehr anspruchsvoll und bedarf einer guten fachärztlichen Ausbildung und zusätzlicher altersmedizinischer Kompetenzen.
Mein Rat an Studierende: Wer sich für ärztliche Pflegeheimversorgung interessiert, sollte Facharzt für Allgemeinmedizin oder Innere Medizin werden – mit einer zusätzlichen geriatrischen Qualifizierung. Dann ist man bestens gerüstet, um als Hausarzt die Herausforderungen der Zukunft gut zu bewältigen.