»Es gibt immer eine Chance, neu anzufangen«

Psychotherapeutin Silvia Liebenau ist auf einem von sechs Plakatmotiven der Kampagne »Wir arbeiten für Ihr Leben gern.« zu sehen. Im Interview gibt sie einen Einblick in ihre Arbeit, geht auf ihre Verbindung zum Kottbusser Tor in Berlin ein und erklärt, wo die Grenzen zum Unmenschlichen verlaufen.

»Ich kann den Beruf jedem empfehlen, der Menschen helfen will«, sagt Silvia Liebenau

Silvia Liebenau, viele denken beim Wort Psychotherapeut oder Psychologe zuerst an die berühmte Couch im Sprechzimmer …
.... die es bei mir nicht gibt! Ich bin Verhaltenstherapeutin. Der Patient sitzt mir gegenüber, wir sind auf Augenhöhe. Ich gebe nicht in erster Linie Ratschläge, sondern wir erarbeiten uns gemeinsam eine Lösung für die Probleme. Genau solche Vorurteile waren es auch, die mich dazu bewegt haben, an der Kampagne teilzunehmen. Ich glaube, es gibt einen großen Informationsbedarf darüber, wie wir genau arbeiten. Wir werden zwar von den meisten Arztkollegen respektvoll behandelt. Aber es ist schön, auch mal öffentlich zu zeigen, dass wir auch dazugehören. Wir behandeln halt nicht in erster Linie den Körper, sondern die Seele.

Welche Botschaft ist Ihnen bei der Kampagne besonders wichtig?
Ich möchte zeigen, dass auch wir Psychotherapeuten gern für unsere Patienten da sind, auch wenn die Therapiestunden manchmal sehr anstrengend für alle Beteiligten sein können. Ich habe inzwischen 30 Jahre in dem Beruf erlebt und mir ist nichts Menschliches fremd. Ich habe von viel Leid und Schuld, die verdrängt wird, zu hören bekommen. Aber auch sehr viel Anstand, Würde und Anstrengungen erlebt, sich selbst zu hinterfragen. Es ist immer möglich, gemachte Fehler einzugestehen und etwas rücksichtsvoller durchs Leben zu gehen. Ich stehe dabei nicht als Richterin da, sondern versuche, die Menschen so anzunehmen wie sie eben sind. Meine Botschaft: ›Redet miteinander. Sagt, was ihr fühlt. Dann wird das Leben leichter.‹

Auf dem Kampagnenplakat stehen Sie am Kottbusser Tor. Was verbinden Sie mit diesem Ort?
Als ich die Anfrage bekam, hatte ich mich gerade von einem Patienten mit einer großen Leidensgeschichte verabschiedet. Er hat immer noch Panikattacken, wenn er mit der U-Bahn fahren muss und kommt aus dieser Gegend. Ein Teil meiner Patienten stammt aus einem Milieu, in dem es wirklich schwierig ist, glücklich zu sein. Genau denen wollte ich mit diesem Motiv zeigen, dass ich auch für sie da bin.

Behandeln Psychotherapeuten in der Großstadt andere psychische Beschwerden als auf dem Land?
Die Kollegen in ländlichen Gebieten berichten von ähnlichen Beschwerden wie sie auch in der Großstadt auftreten – und auch ich habe Patienten, die vom Dorf kommen. Es wird ja immer gesagt, dass es in der Großstadt viel stressiger ist. Aber es gibt auch wesentlich mehr Möglichkeiten, zum Beispiel kulturell.  Berlin ist zum Beispiel gar nicht so extrem. Es ist in Kieze aufgeteilt, man kennt sich untereinander und geht in den selben Supermarkt. Vereinsamen kann man auch auf dem Land. Und was die gesellschaftlichen Zwänge betrifft, sind die in einer Großstadt wahrscheinlich wesentlich geringer als auf dem Land.

Fördert der Trend zur Achtsamkeit den Gang zu Psychotherapeuten?  
Ich denke, dass der Trend zur Achtsamkeit eher die psychische Balance fördert. Achtsamkeit ist also etwas Gutes. Auf der anderen Seite gibt es heute eher eine Offenheit gegenüber seelischen Befindlichkeiten. Sie spielen im sozialen Leben eine größere Rolle, selbst in Krimis treten Psychologen auf. Also finden Menschen auch eher den Weg zu uns. Ich habe mal eine Statistik gelesen, dass Menschen in Deutschland früher durchschnittlich neun Jahre von Arzt zu Arzt getingelt sind, ohne den Grund für ihre Probleme zu finden. Erst dann hat sie ein Arzt auf die Idee gebracht, mal zu einem Psychotherapeuten zu gehen. Früher wurde viel tabuisiert, heute ist die Hemmschwelle wesentlich niedriger.

Wie unterscheidet man aber eine psychische Krise von einer seelischen Erkrankung?
Eine Krise ist momentane Sache, zum Beispiel, wenn man durch die Arbeit, körperliche Erkrankungen oder akute Probleme in der Familie an die Grenze seiner Belastbarkeit kommt. Oft wird so etwas durch Trennungen oder zum Beispiel, wenn die Kinder aus dem Haus sind, ausgelöst. Wenn etwas Zeit vergeht und die Bedingungen sich bessern, kommt man da schnell wieder raus.  Bei einer seelischen Erkrankung ist das Gefühl vorhanden, dass man so nicht mehr weiterleben kann. Zum Beispiel, wenn man überhaupt nicht mehr rausgehen will, nicht mal zum Einkaufen und überhaupt keinen Antrieb mehr hat, Menschen zu treffen. Besucht man oft den Arzt und der kann einfach nichts finden, ist es ebenfalls gut, zum Psychotherapeuten zu gehen.

Mit welchen Beschwerden und Erkrankungen haben Sie es in Ihrer Praxis am häufigsten zu tun?
Ich habe es oft mit den Folgen von erlebten Traumata, Misshandlungen und Vergewaltigungen zu tun. Auch den Folgen von Trennungen der Eltern. Das führt zum Beispiel zu Panikattacken, Zwangsstörungen oder Essstörungen. Das wichtigste Rezept ist dann, dass ich mit dem Patienten eine vernünftige Arbeitsatmosphäre aufbaue. Er soll zuerst zu mir Vertrauen fassen und das dann auch auf sich übertragen. Ich möchte den Anstoß dafür geben, dass sich der Patient selbst die Frage stellt: ›Was ist eigentlich mein ureigenes Problem?‹ Alles hat eine Ursache und es gibt keinen Grund, sich selbst zu zerstören. Das Scheitern gehört zum Leben dazu. Es ist ein Grund mehr, es noch mal zu versuchen. Denn es gibt immer eine Chance, neu anzufangen.

Gilt das wirklich für jeden Menschen? Wie gehen Sie mit Unmenschlichkeit um – zum Beispiel Mord – um?
Ich ziehe den Hut vor Psychotherapeuten, die solche Täter behandeln. Bei mir ist damit die Belastungsgrenze überschritten. Einmal hat sich ein ehemaliger Soldat der Fremdenlegion vorgestellt, der mich noch lange beschäftigt hat. Es ist unmenschlich, wenn man bewusst das Leben anderer in Gefahr bringt. Jeder verfügt über einen freien Willen und hat die Chance auszusteigen. Wer kein Mitgefühl mehr aufbringen kann, kommt schnell an die Grenzen zur Unmenschlichkeit.

Wie können Sie nach dem vielen Leid, von dem sie auch hören, daheim abschalten?
Ich habe ja zum Glück Familie, Freunde und Hobbies, die mir dabei helfen. Ich genieße mit meinem Mann die Berliner Kultur. Auch die Supervision mit den Kollegen ist hilfreich. Falls es mir mal nicht mehr gelingt, weiß ich genau, dass ich jetzt dringend ein paar Tage freimachen und den nächsten Urlaub buchen muss.

Gibt es ausreichend Therapieplätze in Deutschland?
Ich habe viel mehr Anfragen als ich Patienten nehmen kann. Und das geht meinen Kollegen genauso. Es wird oft nicht wahrgenommen, dass eine normale Behandlung bei uns 50 Minuten dauert. Da können wir weder ans Telefon gehen oder irgendetwas anderes machen. Und die Arbeit mit den Patienten dauert ein, zwei oder drei Jahre. Deshalb sollte das Angebot ausgebaut werden. Vor allem jungen Kollegen sollte man die Möglichkeit geben, sich niederzulassen. Das ist ja in Berlin derzeit im Gegensatz zu anderen Bundesländern gar nicht möglich.

Können Sie jungen Kollegen ihren Beruf empfehlen?
Ich kann den Beruf jedem empfehlen, der Menschen helfen will. Der Weg ist nicht leicht: Einem Master-Studium folgt eine Therapieausbildung über mehrere Jahre. Diese Arbeit wird oft finanziell nicht gewürdigt. Dabei ist unser Beruf genauso wichtig wie der der Ärzte. Auch das will ich mit der Teilnahme an dieser Kampagne unterstreichen. Es ist kein Hokuspokus, sondern wir haben eine andere Herangehensweise an die Probleme. Bei uns geht es in erster Linie um die Seele.

Glauben Sie nicht an die Einheit von Körper und Seele?

Natürlich glaube ich daran. Wir neigen ja immer dazu, zwischen Kopf und Bauch zu unterscheiden. Aber wir sind eins. Seelische Probleme finden ihren Ausdruck im Körper. Das zeigen ja schon Redewendungen wie: ›Das habe ich nicht richtig verdaut.‹ Umso wichtiger ist es, körperliche Probleme auch mit dem Kopf anzugehen. Dafür sind wir da.

Was mögen Sie besonders an Ihrer Arbeit?
Jeder Mensch ist völlig anders und seine Gründe, zur Psychotherapie zu gehen, sind ebenso verschieden.  Dadurch gibt es wenig Routine und von mir ist immer höchste Konzentration gefragt. Es ist immer wieder spannend zu erleben, welche Ressourcen Patienten trotz größter Probleme zeigen und entwickeln. Das ist immer wieder überraschend und wunderbar. Mit den ersten Behandlungserfolgen werden die Menschen lockerer, motivierter und bringen erstaunliche Veränderungen hervor. Sogar in ihrem sozialen Umfeld. Da gibt es so manche Sternstunde.