Patientengespräch

»Manchmal muss man auch Kindermädchen sein«

Dr. Andreas Heinzinger ist der Arzt, dem die Bobsportler vertrauen. Als Verbandsarzt betreut der Orthopäde und Sportmediziner aus Berlin die Mannschaften des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland (BSD). Unter ihnen ist auch Annika Drazek, derzeit Deutschlands beste Bobanschieberin. Innerhalb von zwei Jahren legte die einstige Sprinthoffnung eine Blitzkarriere im Bobsport hin und holte zusammen mit Pilotin Anja Schneiderheinze 2016 den Welt- und Europameistertitel im Zweierbob. Im Doppelinterview verraten Dr. Heinzinger und Annika Drazek, auf was es als Verbandsarzt und Bobsportlerin ankommt und warum ein lockerer Umgang wichtig ist.

Erfolgsduo: die Bob-Europa- und Weltmeisterinnen Anja Schneiderheinze und Annika Drazek (rechts). Im Interview spricht Drazek über ihre Erfolge, Verletzungen und die besondere Rolle des Verbandsarztes. Bild: © BSD

Frau Drazek, an was denken Sie in den letzten Sekunden, bevor Sie den Bob bei einem wichtigen Rennen anschieben?
Locker bleiben und Spaß haben.

Herr Dr. Heinzinger, Sie betreuen die deutschen Bobsportler seit vier Jahren als Verbandsarzt. Was ist für Sie das Besondere am Bobsport?

Dr. Heinzinger: Der Bobsport ist ein extrem athletischer Sport. Dadurch ergeben sich bei den Athleten viele unterschiedliche Beschwerdebilder. Aber es ist natürlich auch eine Risikosportart und nicht ungefährlich. Als Verbandsarzt muss ich also auch in der Lage sein, notfall- und rettungsmedizinische Maßnahmen zu ergreifen.

Frau Drazek, Sie waren zunächst jahrelang Leichtathletin und galten als große Sprinthoffnung, bevor Sie zum Bobsport gewechselt sind. Wie kam es dazu?
Drazek: Ich habe selbst gemerkt, dass ich das gut kann und dass mein Anschubtraining sehr gut ist. Aber der Glaube daran kam erst durch die Bestätigung der Trainer. Sie haben gesagt, dass sie großes Potenzial in mir sehen. Als der heutige Bundestrainer René Spies mir dann sagte, dass ich Medaillen holen kann, habe ich gedacht: Da geht was. Und in meiner ersten Saison habe ich dann meine erste Medaille geholt.

Wie sieht der Arbeitsalltag mit der Bobmannschaft aus?

Dr. Heinzinger: Man muss grundsätzlich unterscheiden zwischen Wettkampfbetreuung und der wettkampfvorbereitenden Betreuung. In den Wettkampfwochen wohne ich zusammen mit der Mannschaft in einem Hotel und bin sozusagen ihr Hausarzt. Es geht also nicht nur um Verletzungen und Beschwerden, die mit dem Training zu tun haben, sondern auch um Beschwerden wie Schnupfen oder Magen-Darm-Probleme.

Auf welche Dinge achten Sie in dieser Zeit besonders?

Dr. Heinzinger: Man muss manchmal auch Kindermädchen sein, auf sehr banale Dinge achten und Tipps geben wie: »Zieh Dir eine Mütze an, wenn Du raus gehst.« Oder: »Zieh Dir was Warmes an, wenn Du geschwitzt hast.« Weitere Punkte, auf die ich achte, sind die Ernährung oder wie man bei Beschwerden steuernd in die Trainingsmethodik eingreift.

Stimmt die Geschichte mit der Mütze und dass ihr Arzt manchmal Kindermädchen sein muss, Frau Drazek?
Drazek (lacht): Ja, so etwas kommt schon mal vor. Wichtig ist aber vor allem, dass unsere Ärzte so ticken wie wir. Wir Bobsportler sind eher offene Typen. Da ist es toll, wenn man offene Ärzte hat, die auch mal einen Witz machen wie Dr. Heinzinger.

Sie absolvieren neben dem Leistungssport eine Ausbildung zur Bundespolizistin. Bleibt da überhaupt noch Zeit für ein Privatleben – und wie wichtig ist dieser Faktor?

Drazek: Es gibt ein Privatleben, aber das ist schon alles sehr, sehr schwierig. Man ist einfach kaum zu Hause. Während der Wettkampfsaison bin ich die ganze Zeit unterwegs. Und während der Ausbildungszeit bin ich in Bayern. Auch da ist es dann ein großes Rumgetucker, um nach Hause ins Ruhrgebiet zu kommen.

Seit wann betreuen Sie Annika Drazek und wie würden Sie ihr Verhältnis beschreiben?
Dr. Heinzinger: Professionell. Ich betreue Annika Drazek jetzt seit einer Saison im A-Kader. Annika Drazek ist eine sehr nette, junge Dame, die weiß, was sie tut. Sie trainiert ultrafleißig und ist hochtalentiert.

Vertrauensverhältnis: Dr. Andreas Heinzinger betreut Annika Drazek seit einem Jahr im A-Kader. Bild: © privat

Gewinnt man das Vertrauen eines Sportlers anders als das anderer Patienten?
Dr. Heinzinger: Sportler sind sehr sensitiv und bekommen sehr schnell mit, ob man mit ihnen umgehen kann oder nicht. Ein Vorteil ist, dass man innerhalb von zwei Wettkampfwochen ein ganz anderes Arzt-Patienten-Verhältnis aufbauen kann als bei einem klassischen Praxistermin, der auf Minuten begrenzt ist. Ich würde aber behaupten: Es dauert drei Jahre, bis man von einem Sportler richtig akzeptiert ist.

Wie wird ein Arzt für Sie zur Vertrauensperson, Frau Drazek?
Drazek: Die meisten Ärzte wie Dr. Heinzinger arbeiten schon seit Jahren für den Verband. Insofern wissen wir als Athleten, dass wir ihnen vertrauen können. Dieses Vertrauen ist für uns Profisportler extrem wichtig.

Wie viel Wert legen Sie darauf, dass ihr Arzt auch ein guter Zuhörer ist?
Drazek: Darauf lege ich sehr viel Wert. Man geht ja zum Arzt, wenn man Beschwerden hat. Und wenn man erzählt, wie die letzten Trainingswochen waren und wie die Schmerzen entstanden, kann ein Arzt auch besser die Ursachen finden. Gut zuhören können steht für mich neben dem Vertrauen also ganz oben.

Herr Dr. Heinzinger, Sie haben vorher erwähnt, dass der Bobsport ein gefährlicher Sport ist. Worin liegt das größte Risiko?
Dr. Heinzinger: Es kann zu Stürzen mit schweren Folgen kommen – das Verletzungsrisiko bei der Ausübung, also beim Fahren, ist aber eher gering. Die Hauptproblematik ist die hochintensive Trainingsbelastung, bei der Sehnen, Knorpel und Knochen schnell Beschwerden machen – was die Saison vorzeitig beenden kann.

Sie hatten in diesem Jahr lange mit einer hartnäckigen Sehnenentzündung zu kämpfen und mussten sich operieren lassen. Wie geht es Ihrem Fuß aktuell?
Drazek: Sehr gut. Ich merke ab und zu noch etwas, zum Beispiel an der Naht. Aber die Beschwerden, die ich hatte, sind weg. Da wurde mir durch die OP und durch unsere Ärzte sehr geholfen.

Wie sehr müssen Sie als Bobsportlerin darauf achten, Ihrem Körper nicht zu viel zuzumuten?
Drazek: Unser Körper ist unser Kapital. Wenn er nicht gesund ist, dann können wir auch keinen Sport machen. Man wird im Laufe der Zeit auch immer sensibler und hört mehr auf seinen Körper. Ich persönliche merke zum Beispiel, dass mir Ruhe gut tut. Wenn ich also mal mit einem Training aussetze, ist das kein Problem, sondern genau das, was ich brauche.