Zusammenarbeit

Let’s talk about Sex!

Wenn es in einer Partnerschaft ganz bestimmte Probleme gibt, helfen Dr. Carla Thiele und Dr. Tom Kempe mit vereinten Kräften: Sie behandeln ihre Patienten gemeinsam – und messen Kommunikation eine wichtige Rolle bei.

Dr. Tom Kempe, Frauenarzt und Urologe und Dr. Carla Thiele, Hausärztliche Internistin und Sexualmedizinerin

Wie viel Nähe brauchen wir für guten Sex?
Dr. Carla Thiele: So viel wie möglich! Mit Sex finden und gebenwir Geborgenheit. In dem Satz »Ich möchte mit dir schlafen« liegt die Betonung auf »dir«, und zwar »genauso, wie du bist«.

Dr. Tom Kempe: Je näher die Partner sich sind und je offener sie miteinander sprechen, desto größer ist die Chance, dass sie auch beim Sex eine gemeinsame Ebene finden.

Sprechen Paare zu wenig über Sex?
Kempe: Ich denke schon. Das betrifft sowohl Menschen in einer Partnerschaft als auch die Beziehung zwischen Patient und Arzt. Das ist schade, denn meiner Erfahrung nach lassen sich 90 Prozent aller Probleme durch offenen Austausch und Informationen lösen. Fakt ist jedoch: In meine Sprechstunde kommen die Männer oft, weil ihre Frauen sie zu mir schicken.

Thiele: Genau das ist der Knackpunkt. Häufig kommen Männer oder Frauen miteinem Problem zum Arzt, weil sie glauben, dass es den Partner oder die Partnerin stört. Sie müssten aber gemeinsam erscheinen. Denn wenn die zweite Person dabei ist, finden wir im Gespräch ganz andere Dinge heraus.

Man kann heute kaum die Straße überqueren, ohne etwa in der Werbung mit dem Thema Sex in Berührung zu kommen. Sobald es aber persönlich wird, machen die Leute dicht. Warum?

Thiele: Das Problem ist, dass wir nach wie vor kein echtes Bild von der Intimität haben, die wir uns selbst wünschen und die wir brauchen. Viele haben dieses komische »In der Woche zweimal« im Kopf. Das erzeugt Erfolgsdruck. Wir wissen heute, dass die meisten berufstätigen Paare ein- bis zweimal im Monat Sex haben. Das ist die Realität.

Kempe: Hinzu kommt: Die nackte Frau im Fernsehen oder der schlanke Mann mit dem Sixpack auf dem Plakat sind Models. Sich mit ihnen zu messen, macht niemandem Spaß. Insofern wird die Diskrepanz zwischen dem Idealbild und dem, was wir zuhause erleben, immer größer. Es erfordert Offenheit und Mut, darüber zu sprechen.

Haben Männer grundsätzlich mehr Probleme?
Kempe: Ich denke, das hält sich die Waage. Allerdings sind gewisse Probleme bei Männern messbarer – durch den Grad der Erektion beispielsweise.

Thiele: Hätten Frauen etwas ähnlich Sichtbares wie eine Erektion, würden sie sicherlich häufiger in Behandlung kommen. Frauen sind auch duldsamer. Sie neigen eher dazu, Sexualität zu vermeiden, wenn sie ihnen keine Befriedigung bringt oder wenn sie dabei Schmerzen haben. Das entspricht dem gängigen Klischee, dass Frauen sowieso nicht so viel Sex wollen – dahinter kann man sich recht gut verstecken.

Wie sieht guter Sex für Sie aus?
Thiele: Im Idealfall praktiziert jede Frau und jeder Mann den Sex so, wie er sie oder ihn am besten erfüllt – fernab von klassischen Vorstellungen über den Koitus. Wenn der Partner sich ebenso sicher und entspannt ausleben kann, ist das verbindend. Es kann für Männer ungemein entlastend sein, wenn sie merken, dass sie ihrer Frau auch allein durch Berührungen etwas geben können.

Kempe: Männer denken manchmal, dass der Gradmesser für »Erfolg« ist, wie lange man kann. Wenn es da hapert, denken wiederum Frauen, dass er eine andere hat oder sie nicht mehr begehrt. Solche Missverständnisse sind häufig. Wir ermutigen die Menschen, offener und achtsamer mit- einander umzugehen.

Sie behandeln Ihre Patienten gemeinsam. Wie sieht Ihre Zusammenarbeit aus?
Thiele: Wir schauen zunächst einmal, ob es auf der körperlichen Ebene Störungen gibt, die wir beheben können – Diabetes oder Herzerkrankungen zum Beispiel können Erektionsprobleme hervorrufen. Frauen können durch hormonelle Umstellungen beeinträchtigt werden. Wir suchen deshalb fachübergreifend nach Zusammenhängen und Ursachen.

Kempe: Wir tasten uns mit unseren Patienten auch an die Frage heran, was für ihre Intimität und Nähe eigentlich entscheidend ist, damit beide zufrieden sind. Da hilft es, dass wir Patienten, die sich einem von uns anvertraut haben, direkt an den anderen vermitteln können und nicht auf das Branchenbuch verweisen müssen. Wir beide tauschen uns auch oft über gemeinsame Patienten aus und reden darüber, wie die Behandlungen gelaufen sind oder welche neuen Erkenntnisse wir gewinnen konnten.

Wie haben Sie beide beruflich zum Thema Sex gefunden?
Thiele: Ich habe schon meine Doktorarbeit über ein sexualmedizinisches Thema geschrieben. Nach der Facharztausbildung habe ich neben der Arbeit in meiner Praxis eine sexualtherapeutische Zusatzausbildung gemacht. Tom ist auf einem meiner Vorträge auf mich aufmerksam geworden.

Kempe: Ich war zunächst Urologe und bin erst später Gynäkologe geworden. In beiden Fachbereichen bin ich täglich auch mit Krankheiten und Störungen konfrontiert, die einen direkten Einfluss auf das Sexleben haben. Als ich die Arbeit von Carla kennenlernte, war ich sofort davon überzeugt, dass wir gemeinsam unseren Patienten noch viel besser helfen können. Und so ist es auch. Was vor allem daran liegt, dass wir viel miteinander sprechen – und mit den Patienten.